Donnerstag, 5. November 2009

Bleistift Battalion

Es ist etwa 09:30 Uhr und ich stehe wie die letzten Tage, ja sogar schon die letzten Wochen vor dieser einen Frage, die mich allmorgendlich beschäftigt. Soll ich aus dem Fenster sehen und einen Blick auf die vorüberziehenden Gebäude erhaschen, oder unauffällig die Gesichter der Anderen im Bus mustern? Beides bietet immernoch viel zu viele Eindrücke. Viel zu viele Fragen und Ideen sammeln sich in meinem Kopf. Geschichten wachsen um eine kunstvoll verzierte Fassade, die Lebensgeschichte eines Teenagers wird mir von den Anarchie- und Che-Guevara-Aufnähern auf seinem Markenrucksack zugeflüstert.
Es ist zu viel. Zu viele Eindrücke, zu viel Neues, das sich zwischen das Bekannte drängt. Oder zu viel Bekanntes, das sich zwischen das Neue drängt? Ich weiß es nicht. Beides passt, beides harmoniert in paradoxester Weise miteinander. Alt und neu, grün und grau. Meine Vergangenheit und meine Zukunft, die sich hier, in dieser Stadt, in diesem Bus, in diesem Moment treffen und sich uneins darüber sind, zu wem von beiden ich gehöre.
Ich schließe die Augen, gönne meinem Kopf einen kurzen Moment der Ruhe. Ohne Bilder, ohne Assoziationen und Ideen.
Nein, im Moment kann ich noch nicht wieder schreiben. Ich sammle noch. Sortiere. Forsche nach den Zusammenhängen, suche nach der Süßigkeit, mit der ich dem freundlich lächelnden Monster Großstadt seine Geheimnisse entlocken kann. Zumindest so lange, bis der Bus mich in die Uni getragen hat. Aber jetzt kann ich noch nicht schreiben.

Ich gehöre nicht zum Bleistift-Battalion
Doch auch ich will nicht nur schreiben um zu kommunizieren
Auch ich habe Geschichten zu erzählen
Meine Abenteuer sollen auch euch gehören
Sie sind mehr als nur einfache Anekdoten
Sie tragen eine Botschaft
Mehr als ein Tagebucheintrag in einem Buch ohne Siegel.

In der Uni fühle ich mich wohl. Wohler noch als in der WG, wohler als bei meinen Freunden hier, noch wohler als in einer heißen Badewanne bei Kerzenschein. In der Uni entkomme ich der Anonymität und dem Gefühl der Einsamkeit, denn hier sind alle anonym und einsam gewesen. Jedenfalls am Anfang. Hier bin ich keine Fremde – alle, die mit mir studieren, waren und sind so neu wie ich. Niemand von uns hatte von Anfang an Freunde, niemand von uns hatte Vorteile oder wusste mehr als die anderen. Wir sind Fremde unter Fremden, wir fallen nicht auf. Wir sind alle gleich. Wir gehören noch nirgendwo hin, und das schweißt uns zusammen.
Ich baue meinen eigenen kleinen Freundeskreis auf, anstatt wie sonst in einen bereits bestehenden hineingeworfen zu werden. Neue Menschen, neue Leute. Gleiche Bedingungen. Man kann ungeniert fragen, Geschichten und Ansichten aus seinen Kommilitonen kitzeln, entdecken ob sie spannend sind, ob sie etwas zu erzählen haben. Ich lerne von ihnen in einem kurzen Gespräch mehr als von einem Dozenten, der 90 Minuten aus dem Lehrbuch vorliest. Sie regen mich mehr zum Nachdenken an als die ungelösten Rätsel der Naturwissenschaft.

Ich gehöre der Kugelschreiber-Kompanie nicht an
Doch auch ich bin neugierig auf Erzählungen und Ideen
Auch ich will alte Konzepte neu mischen
Und erschaffe neue Welten und neues Leben.
Keine Ressource auf diesem Planeten ist unbegrenzt
Aber Ideen gibt es unbeschränkt
Mehr als nur Zusammenfassungen unserer Tage.

Ich verwechsle oft Wörter in letzter Zeit. Nicht, dass sie mir nicht einfallen, ich sage nur etwas anderes, als ich meine und merke das erst, wenn ich es gesagt habe. Mein Kopf ist einfach zu voll. Manchmal sucht er ein Ventil und lässt dann los, öffnet die Schleusen zu meinen Augen, und all die Wörter, dicht an dicht gedrängt, stoßen sich mit unaufhörlich geballter Macht in meinen Tränen nach außen, ganz ohne Vorwarnung, ganz ohne Anlass. Im Hinausrauschen winken sie meinem Verstand noch dämlich grinsend zu.
Ich suche andere Ventile, wenn die Wörter fehlen. Meine Buntstifte sind endlich hier, und meine Bleistifte. Meine guten Kugelschreiber und meine Malblöcke. Sie liegen neben dem Bett, auf dem Schreibtisch und in der Küche, bis meine Mitbewohnerin den Küchentisch wieder leerräumt. Viel zeichne ich nicht, nur Andeutungen dessen, was in mir vorgeht. Momentaufnahmen. Mehr braucht es für mich nicht.

Ich bin kein Mitglied der Malblock-Milizen
Aber wenn die Welt hinter einem Horizont aufhört
Dann fängt sie auch für mich erst dahinter an
In bewegten Bildern sehe auch ich nicht die Technik
Sondern frage nach dem Motiv hinter den Motiven
Mehr als nur Worte sprechen um sich reden zu hören.

Ich fühle mich hier noch nicht angekommen. Das Alte greift noch nicht in das Neue, alles stockt und lässt mich zweifeln. Mein altes Bett im neuen Zimmer wirkt genauso fehl am Platz wie die Kleidung, die ich zu hause getragen und hierher mitgenommen habe. Wenn ich "zu hause" sage, meine ich meine alte Heimat und nicht die WG. Doch dann kommt ein gemeinsames Lachen, eine Umarmung oder eine andere Art, mich einzubinden. So wie das Schreiben, das den Stein ins Rollen gebracht hat. Ohne die Schreiberei wäre ich nicht hier. Ohne die Schreiberei werde ich mich auch nicht zu hause fühlen können.
Manchmal setze ich mich abends an meinen PC und öffne den Ordner, in dem all die kleinen Ideen sind, die ich abgetippt habe. Eine ist bereits ein halbes Buch, einige andere können zu einer Geschichte zusammengefügt werden. Alle sind Träumereien und Sehnsüchte nach etwas Neuem. Einer Welt, die von vorne beginnt, einer Lebensgeschichte, die einen Anfang aber kein Ende hat. Eine Zuflucht mit klaren Gesetzen, die das Bekannte einfach so sprengen. Diese Welt gehört nur mir, ich teile sie nicht. Was ich auf mein Blog setze, ist im besten Fall nur ein Bruchteil dessen, was ich schreibe.
Ich schreibe nunmal nicht für andere Leute. Ich schreibe nicht, weil ich darin meine Zukunft sehe. Ich schreibe nicht, weil ich nach Resonanz aus bin. Ich will die Menschen nicht wachrütteln, keine religiöse, politische oder modische Botschaft übermitteln. Ich schreibe nicht um meinen Widerspruch auszudrücken. Ich schreibe nicht, weil ich jemandem den Krieg erklärt habe. Nein, die Schreiberei ist für mich keine Waffe.
Ich schreibe, weil ich dann für einen Moment die Welt um mich herum vergessen und mich meinen Traumwelten hingeben kann. Ich schreibe, um meine Eindrücke zu verarbeiten und um mich selbst kennenzulernen. Ich schreibe, um meine Fantasie zu fördern, ihr ein Gerüst zu geben, an dem sie wachsen kann.
Ich schreibe für mich.
Ich schreibe, weil ich dann nicht alleine bin.
Ich schreibe, weil ich dann zu hause bin.

Es gibt die Zeichenstift-Zenturien
Die Tastatur-Truppen
Die Seiten-Soldaten
Die Literatur-Leibgarde
Die Kommentar-Kommandos
Die Malblock-Milizen
Die Kugelschreiber-Komanie
Sie wollen mehr sein als Text auf Seiten
Sie wollen mehr sagen als leere Worte
Sie suchen mehr als Resonanz
Sie geben mehr als Kommentare
Sie suchen ihres Gleichen und sind nicht alleine
Denn sie sind das Bleistift-Battalion.

Doch ich, ich gehöre zum Lesezeichen-Lazarett
Denn das Schreiben ist mein Balsam.



Anmerkung: Von Jay Nightwind wurde die Idee der Bleistift Battalion ins Leben gerufen. Ich habe versucht, meinen Beitrag dazu zu leisten, doch beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass meine Motivation zu schreiben eine völlig andere ist als die, die in den ursprünglichen Versen beschrieben wird. Die Details stimmen, nur nicht das Große und Ganze. Ich fühle mich keiner Gruppe oder Bewegung angehörig, was das Schreiben angeht - vor allem nicht dann, wenn sie das Schreiben als etwas militärisches, aggressives sieht bzw sie als etwas solches darstellt. Sicherlich kann man mit geschriebenen Worten viel erreichen, sie als Waffe gegen Missstände benutzen. Aber das ist schlicht nicht meine Motivation oder Überzeugung. Deswegen war ich so frei, es etwas abzuändern.

Sonntag, 30. August 2009

Ausgegraben - Sternenklare Nacht

An eine so wunderschöne sternenklare Nacht wie heute konnte er sich nicht erinnern, obwohl er bereits einige Jahre hinter sich hatte. Er hätte all ihren Zauber und die besinnliche Stille aus vollen Zügen genossen, wäre da nicht diese eine Sache gewesen. Voller Bedenken senkte er den Kopf und sah hinüber zu den anderen, die konzentriert neben ihm im Gras kauerten. Einige – das waren die, die etwas zu sagen hatten – brüllten Befehle in diese so vollkommene Nacht hinein. Wie konnten sie nur die Unverfrorenheit besitzen, diese paradiesische Ruhe zu stören? Er hörte nicht was sie riefen, er sah nur ihre Mundbewegungen und ihre hektischen Gesten und da wusste er was sie sagten. Das war zuviel für ihn, zuviel für sein strapaziertes Herz. Fast wären ihm die Tränen gekommen, als er hinunter sah. Er blickte auf seine Hände und das, was er in ihnen hielt. So schnell er konnte wandte er den Blick wieder ab und schluckte all den Frust und die Tränen hinunter. Der junge Mann neben ihm sah ihm direkt in die Augen. Auf dessen Gesicht war der Anflug eines Lächelns erkennbar, einer aufmunternden Geste. Doch beide wussten, dass sie sich etwas vormachten, an der vordersten Front.
Als er sah, dass sich die anderen in Bewegung setzten und in geduckter Haltung hinter die Büsche rannten, richtete auch er sich auf. Im ersten Moment wirkte er dabei vielleicht etwas unbeholfen. Das kam daher, dass er diese Zeit brauchte, um in die Realität zurückzukehren. Er umklammerte seine Handgranate mit festem Griff und rannte los.


Anmerkung: Verfasst am 24.01.2004.
Wiedergefunden auf einer alten Backup-CD.

Montag, 24. August 2009

Zeichen

Als hätte ich es nicht geahnt - es hat schon seinen Grund, warum dieses Blog durch "ChangingTheMood"punktblogspotpunktcom zu erreichen is.
Erst war's ein normales Blog, um mich mitzuteilen... Dann hab' ich nurnoch Texte von mir hier reingestellt... Und jetz hab' ich wieder was neues, was ich hier reinputten werde.

Ich habe nämlich das Zeichnen wieder für mich entdeckt.
Vor etwa 5 Jahren hab' ich noch wie eine Besessene mit Pinseln, Farben, Stiften und Blöcken um mich geworfen, hab' mir eine Staffelei, Farben, Leinwände und Pinsel zum Geburtstag gewünscht (und bekommen), und war kaum zu bremsen. Das hat sich dann etwas gelegt, weil es einen gewissen Herr'n Vater gab.

"Hey Paps, wie findest du das? Hab' ich gerade gemalt!"


"Hmm... Also die Schattierungen passen nich ganz zueinander. Der Rabe - is das einer? is zu krass schattiert im Vergleich zu ihr. Zu harte Übergänge, siehst du? Hier und hier. Und ihr Oberarm is zu kurz."

Ich hatte etwa 2 Stunden an dem Bild gesessen und fand es super. Danke für die Desillusionierung, Vater.

Aber genau so, wie mein Vater schuld daran war, dass ich aufgehört habe, is er auch schuld daran, dass ich wieder angefangen habe.
Sein Arbeitszimmer hängt voll mit Bildern, die er selber irgendwann in jüngeren Jahren gezeichnet hat. Eines davon habe ich neulich aus Zufall mal wieder gesehen, es war mein Lieblingsbild, als ich noch ein Kind war. Er hatte es gezeichnet, bevor er meine Mutter kennengelernt hat, aber die Frau auf dem Bild sieht fast so aus, wie meine Mutter mit Ende 20. Das Bild ist mittlerweile schon etwas vergilbt, die schwarze Farbe vom Filzstift ist zu einem Braunton verblichen, aber trotzdem ist es einfach BÄM:


Mein Vadder hatte das einfach mal nebenbei mit Kugelschreiber gekritzelt, als ihm langweilig war.
Warum auch immer, aber das Bild hat meinen Ehrgeiz geweckt. Das mag unter anderem an dem Schachbrettmuster im Hintergrund liegen - Mein Vater is ein Fan von diesem Muster und hat ziemlich viele Grafiken damit gemacht und mir das beigebracht. Das also kann ich auf jeden Fall nachmachen.
Ich hab' mich fast sofort mit Kugelschreiber und Papier vor den PC gesetzt, meine digitalen Fotoalben geöffnet und ein Bild abgezeichnet, nur um zu sehen ob es Sinn macht zu üben, oder ob ich hoffnungslos untalentiert bin.
Rumgekommen ist dabei das hier:


Ich hab's dem Betroffenen und ein paar Leuten, die ihn kennen, gezeigt. Sie haben ihn erkannt. Ich persönlich hab' meine Fehler entdeckt und beim nächsten Bild darauf geachtet, es besser zu machen. Und tadaa, auch hier konnte man ihn (durch sein linkes Auge [also auf dem Bild das rechte]) erkennen.



Eine meiner besten Schulfreundinnen musste auch dran glauben. Das war dann das erste Bild, mit dem ich wirklich zufrieden war (auch, wenn immernoch verbesserungswürdige Details dabei sind). Ich hab' es ihr gerahmt und neulich zum Abschied geschenkt, da wir uns die nächsten Monate sehr wahrscheinlich nicht werden sehen können:


Dann lag ich neulich abends im Bett und konnte nicht einschlafen, hatte aber keine Lust, nochmal aufzustehen und den PC anzuschmeißen, um eine Vorlage zum Portait zu haben. Also hab' ich mich einfach ganz unverschämt an Jays Geschichte "Ungewohntes Reisefieber" angelehnt. Ich mochte Julika immer besonders, und wenn ich so überlege, ist sie der einzige seiner Geschichtencharaktere, von dem ich ein klares Bild vor Augen hatte. So und nicht anders muss sie aussehen. Also hab' ich mich mal daran gemacht, sie ein bisschen zu skizzieren. Die Skizze wurde ausgebaut, mit Schatten versehen, das eine Auge ein wenig zu übertrieben gezeichnet, Jay wurde gefragt, ich hab's etwas verbessert, und das hier ist im Endeffekt dabei rausgekommen:


Tja, und damit scheint mein Schicksal besiegelt zu sein. Ich darf/soll/werde mit Freuden Bilder zu 2274 kritzeln und den Leuten Gesichter geben. Ich bin gespannt, ob ich noch besser werde, aber wenn ich mir die Bilder so ansehe... Da geht noch einiges.
Im Nachhinein bin ich meinem Vater auch dankbar, dass er an allem rumnörgelt und selbst die kleinsten Ungereimtheiten und Auffälligkeiten herauspickt und mich darauf anspricht. Dadurch kann ich lernen und mich verbessern.

Nun denn, meine herzallerliebste Hand, auf geht's! Wir haben noch was vor :)

Freitag, 7. August 2009

Ausgegraben - Vertrauen

Mit endlos traurigen
Augen siehst du mich an
Weiß nicht, wo ich bin
Was ich hier soll
Es ist kalt und einsam.

Du drehst dich ab
Wendest mir den Rücken zu
Doch ich folge dir
So gut es geht
Ich kann nichts andres tun.

Du gleitest fort
Fernab in fremde, dunkle Welten
Langsam und bedächtig
Um nicht zu fallen
Da Gesetze hier nichts gelten.

Ich erkenne nun
Schattenhafte Wesen überall um mich
Gequält schreiend
Nach Vergeltung
Vorm ungerechten Gericht.

Du schaust zurück
Die Trauer in dir ist gewachsen
In deinen Tränen spiegelt sich
Mein entsetztes Gesicht
Willst du mich etwa hier lassen?

Ich sehe sie weinen
Diese Seelen, voll tief geschlagener Wunden
Sie machen mir Angst
Bitte bring mich zurück!
Doch du bist verschwunden.

So lange alleine
Bin nun auch ich schon gefangen hier
Der Schmerz zerstört mich
Ich werde blind
Und schreie nach dir.

Anmerkung: Verfasst am 16.02.2004.
Wiedergefunden auf einer alten Backup-CD.

Dienstag, 4. August 2009

Die Sonne

... schien die ganzen zehn Tage über. Selbst dann, wenn es draußen regnete und der Wind über die aufgewühlte Bucht fegte. Ich hätte damals nie gedacht, dass sowas möglich ist. Die Sonne saß neben mir, ließ sich durch das miese Wetter nicht beeindrucken und strahlte ihre Wärme und ihr Licht aus, als wäre es das normalste der Welt.

Ich hatte sie noch nie so gesehen. Für mich war sie immer das aufdringliche, laute, andere Mädchen gewesen, das durch die Heirat meiner Tante in unsere Familie geworfen worden war. Sie war anders, hatte nie zu uns Kindern dazugepasst. Aber wir hatten ihr auch nie die Chance dazu gegeben.
Jetzt musste ich mich zwangsläufig mit ihr beschäftigen. Sie war ein Jahr jünger als ich, blond, andauernd gut drauf und sehr gesprächig. Zu gesprächig. Zu weiblich. Wie konnte man sich nur mit 14 Jahren schon schminken, selbst wenn es dezent war. Während der sieben Stunden Autofahrt zur Ostsee hatte ich sie ausgeblendet, so gut es ging. Mich in mich zurückgezogen - nach außen hin ein Stein, in mir drin eine blühende Phantasiewelt. Während sie versuchte mir von ihrer leiblichen Mutter und ihren Halbgeschwistern zu erzählen, ritt ich auf einem Braunbären durch einen Wald voller Echsen und Schlingpflanzen, rettete ein Königreich und erlernte magische Fähigkeiten von einem Drachen, vor dem andere sich fürchteten. Ich war verdammt gut darin, mich in mich zurückzuziehen. Mein Schutzwall um mich herum war undurchdringlich.

Bis sie am nächsten Morgen nach dem Frühstück weinend auf ihrem Bett saß und mir erzählte, wie sehr sie ihren Vater und seine Frau, meine Tante, hasste.
Auch, wenn ich neben ihr saß und sie im Arm hielt, während sie vom Schluchzen geschüttelt wurde, kam ich mir so vor, als hätte man mich gerade mit den Worten "Du packst das schon!" von einer Klippe gestoßen. Nein, ich packte das nicht. Ich hatte dieses Mädchen seitdem ich sie kenne geschnitten, verarscht und mies behandelt. Und jetzt erzählte sie ausgerechnet mir von ihren Problemen. Vertraute sich gerade mir an.
Sie hatte durch ein zehnminütiges Gespräch meine sorgsam aufgebaute Festung einfach so hinweggefegt, als wäre sie eine ausgetrocknete Sandburg gewesen. Gleichzeitig strahlte sie mich aus ihrem verheulten Gesicht an, bedankte sich dafür, dass ich für sie da war und gab mir das Gefühl, es wirklich gepackt zu haben. Es war, als hätte sie mir einen Satz Flügel verpasst, denn auf einmal war alles ganz leicht um mich.

Die darauffolgenden Tage verbrachten wir mit langen Spaziergängen am Strand. Wir liefen stundenlang einfach durch die Brandung, mal in ernste Gespräche vertieft, mal jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Aber niemals alleine.
Die Abende verbrachten wir damit, lange Briefe zu schreiben. Ich begann damit, ein Tagebuch zu führen. Während wir schrieben wärmten wir uns gegenseitig die durch Muschelschalen zerkratzen Füße, manchmal lasen wir uns Ausschnitte aus unseren Briefen vor oder erzählten uns Geschichten.
Die Nächte verbrachten wir nebeneinander, wir hatten die Betten zusammengeschoben. Als wäre es ganz normal schlang sie ihre Arme um mich und lehnte ihr Gesicht in meinen Nacken. Es dauerte ein paar Tage, bis ich den Körperkontakt gewohnt war und mich auch selber an sie kuschelte, wenn mir kalt wurde. Manchmal schlichen wir uns an den Strand, hielten nach Sternschnuppen ausschau oder sprangen nackt in die silbrige Ostsee, um uns danach an einem kleinen Feuer am stillen Strand zu wärmen.
Nach weniger als einer Woche hatte sich ein starkes Band zwischen uns gebildet. Man konnte es fast schon mit Händen greifen. Ich hatte das Gefühl, sie so gut zu kennen wie keinen anderen Menschen, sogar besser, als ich mich selbst kannte. Und ich wusste auch, dass auch sie mich besser verstand, als ich es tat.

Der Abschied fiel uns beiden schwer, da wir weit auseinander wohnten und uns nicht oft würden sehen können. Wir versprachen uns, uns gegenseitig Briefe zu schreiben und tauschten die Ketten aus, die wir ursprünglich jeder für sich selbst aus Hühnergöttern vom Strand geknüpft hatten.


Wenn ich heute traurig bin oder mich alleine fühle, dann nehme ich einen ihrer vielen Briefe, die sie in den vergangenen fünf Jahren geschrieben hat. Jeder einzelne ist bemalt, enthält ein separates Blatt mit einem ermutigenden Spruch oder einer Zeichnung, und zaubert mir schon duch den Anblick ein Lächeln ins Gesicht.
Ich weiß nicht ob ich ihr jemals gesagt habe, wie dankbar ich ihr bin. Ich habe von ihr gelernt, den Augenblick zu genießen, das Positive am Leben zu sehen. Freundschaft aufzubauen, anderen Menschen gegenüber offen zu sein. Mich selbst zu mögen. Zu strahlen.

Sie hat mir die Sonne in meinem Leben gezeigt.

Samstag, 25. Juli 2009

Ausgegraben - Fallende Engel

Fallende Engel, am Rande der Zeit
Wollen Vergeltung, für alles bereit.
Ihre Blicke durchdringend, ihr Herz ist Eiskalt,
Sie kennen kein Erbarmen, sie kennen nur Gewalt.

Fallende Engel, vollkommene Qual,
Zerrissene Flügel, Federn im All.
Ihr Neid auf die Menschen wird nie verflogen sein,
Ihre Verächtung wächst, Sie woll'n brechen ihr Gebein.

Gefallene Engel, durch sie steht alles in Flammen,
Zerstörten die Zivilisation, konnten die Menschen Bannen.
Gefallene Engel, mussten ertragen nur Spott,
Wollen Vergeltung am einst mächtigen Gott.


Anmerkung: Verfasst am 05.09.2004.
Wiedergefunden auf einer alten Backup-CD. Das Gedicht war ein gemeinsames Projekt mit einem damals guten Freund von mir.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Das Feuermädchen

"Gibt das her, du törichtes Ding!"
Wütend wurden ihr die Steine aus der Hand gerissen.
"Das ist noch nichts für einfältige Gören wie dich! Am Ende steckst du noch das ganze Haus in Brand!"
Stampfend entfernten sich die Schritte von ihr, ebenso wie die zeternde Stimme. Und ihre Feuersteine. Eine Tür wurde ins Schloss geschlagen.
Emily war wieder alleine.

Eigentlich hatte sie alles, was sie sich wünschen konnte. Ein Dach über dem Kopf, das nebenbei auch noch ein dreistöckiges Haus, beinahe ein Anwesen, vor Wind und Wetter schützte; ein eigenes Zimmer, vollgestellt mit dem neuesten Spielzeug. Fast jede Woche bekam sie eine neue Puppe. Ihr Kleiderschrank platzte fast, und sie hatte nicht nur ihre Amme, die nach ihr sah, sondern auch eine eigens ihr zugewiesene Dienerin, die sogar im selben Alter war. Ihr Eltern dachten wohl, dass sich dadurch eine Freundschaft zwischen den beiden bilden könnte.
Doch beide hatten bereits nach kurzer Zeit die Lust am Umgang mit dem sonderbaren, blassen Mädchen verloren. Und Emily hatte sich erst nie für diese beiden gackernden Hühner interessiert, die in ihr Zimmer marschiert kamen und ihre Ruhe mit gekünstelter, honigsüßer Lebensfreude besudeln wollten. Der Priester hatte ihr vorgeworfen, von Neid auf sie zerfressen zu sein, weil sie laufen konnten und Spaß hatten. Und dass sie diese Sünde beichten müsse, wenn sie nicht in der Hölle schmoren wollte. Doch Emily hatte nur schweigend dagesessen und ihre Bettdecke angestarrt, unter der sich schon ihr ganzes Leben lang ihre gefühllosen Beine verbargen.
Nein, sie würde nicht beichten. Sie fürchtete die Hölle nicht, im Gegenteil. Beschrieb man es ihr, kam es ihr wie eine einzige Gnade vor, wenn sie nach ihrem Leben dort hinkäme. Alles voller tanzender, zuckender Flammen. Sie war sich sicher, wenn auch nur ein einziger Funke dieses überirdischen Feuers auf ihre blanke Haut flöge, er würde ihre Beine zum Leben erwecken. Sie würde es spüren können. Wenn ihre Beine sich vor Schmerzen winden und unter ihr zucken, dann würde sie es genießen. Sie würde im Tod endlich leben.
So träumte Emily tagsüber vor sich hin, wenn sie ihrer neuesten Puppe die Beine ausriss und wieder annähte. Aber eigentlich wollte sie nicht sterben, und eigentlich machten ihr ihre Gedanken auch ein wenig Angst. Wenn sie nachts schweißgebadet aufwachte, weil ein Feuer im Traum sie verzehrte, dann schlug sie zitternd ihre Bettdecke zurück und holte aus ihrem Versteck unter der Matraze ihre beiden einzigen Freunde, die Feuersteine. Mit pochendem Herzen klopfte sie dann immer, so leise wie möglich, die kühlen Brocken gegeneinander, so dass entgegen allen ihr schlüssigen Gesetzen aus diesen leblosen, kalten Steinen ein heißer, wirbelnder Funke sprang, der sich auf eines ihrer Beine setzte und dort fast sofort verglimmte. Ihre Beine waren mittlerweile gesprenkelt mit kleinen Brandnarben, doch es kümmerte sie nicht. Solange sie den Schmerz nicht spürte wusste sie, dass sie noch am Leben war und das Feuer ihr immernoch nichts anhaben konnte. Von einigen Monaten war sie im Winter nach draußen gebracht worden, doch die Schneeflocken hatten genauso wenig Eindruck auf ihrer Haut hinterlassen, wie die glühenden Steinsplitter.

Doch jetzt war sie alleine. Ihre Amme hatte sie nachts erwischt, als sie wieder die Feuersteine gegeneinandergeschlagen hatte. Wahrscheinlich würde die Amme es Emilys Vater erzählen, ihrer Mutter, ihrer Dienerin und allen im Haus. Es würde fast unmöglich sein, an neue Feuersteine zu kommen. Seufzend lehnte sie sich in ihre Kissen. Ohne die Funken, das Feuer und das leise Knistern, wenn sich etwas in ihre taube Haut schmorte, wollte sie sich ihr Dasein gar nicht vorstellen.
Ihr Blick fiel auf den verstaubten Kamin. Jetzt, im Juli, käme niemand auf die Idee, ihr Zimmer heizen zu wollen. Seufzend lehnte sie sich zurück und schloss die Augen.




Der Wind schnitt eisig durch die Gassen und zerschmetterte die aufgeregten Rufe an den Hauswänden, die sich gebrochen in die schwarze Nachtluft mischten. Der Rauchgeruch hatte den ganzen Ort aus seinem Schlaf geweckt, die Feuerglocke tönte unentwegt. Das große Haus stand in Flammen. Viele drängten sich um das Haus und gaben gefüllte Wassereimer von Hand zu Hand, eifrig darum bemüht, den tobenden Flammen einhalt zu gebieten.
"Seht!"
Der Ruf zerschnitt den tobenden Lärm des Feuers und schien sich wie eiserne Stille über die Szene zu legen. Wassereimer wurden vor Entsetzen fallen gelassen. Niemand sagte mehr etwas.
In einem Fenster des Erdgeschosses, dort, wo das Feuer am heftigsten wütete und die Luft in wirbelnden Strömen verschlang, erschien eine junge Frau. Sie schien zu dem Rauschen des Feuers zu tanzen, im Takt der berstenden Balken, die begleitet von Funkenregen von der Decke brachen. Ihre Kleidung und ihre Haare waren bereits verbrannt, ihre gesamte Haut stand in Flammen.
Die Bewohner waren unfähig, ihre Blicke von dem bizarren Tanz loszureißen. Immer wieder zuckten die Beine, die Knie beugten und streckten sich zu einer unhörbaren, infernalen Musik. Sie riss ihre Arme nach oben, um sie danach gleich wieder eng vor ihrer Brust anzuwinkeln.




Wenn man heute jemanden aus dem Ort nach den Geschehnissen fragt, wird er antworten, dass Emilys Leiche nie unter den Haustrümmern gefunden wurde. Er wird sagen, dass viele aus dem Ort schwören können, dass die junge Frau im Fenster, fast noch ein Mädchen, gelächelt habe, als sie verbrannte.
Und wenn man es hören will wird er auch sagen, dass seitdem in jedem Kamin der Stadt, ganz in sich versunken und ohne Hast, ein Mädchen aus Feuer mit den Flammen tanzt.