Es ist etwa 09:30 Uhr und ich stehe wie die letzten Tage, ja sogar schon die letzten Wochen vor dieser einen Frage, die mich allmorgendlich beschäftigt. Soll ich aus dem Fenster sehen und einen Blick auf die vorüberziehenden Gebäude erhaschen, oder unauffällig die Gesichter der Anderen im Bus mustern? Beides bietet immernoch viel zu viele Eindrücke. Viel zu viele Fragen und Ideen sammeln sich in meinem Kopf. Geschichten wachsen um eine kunstvoll verzierte Fassade, die Lebensgeschichte eines Teenagers wird mir von den Anarchie- und Che-Guevara-Aufnähern auf seinem Markenrucksack zugeflüstert.
Es ist zu viel. Zu viele Eindrücke, zu viel Neues, das sich zwischen das Bekannte drängt. Oder zu viel Bekanntes, das sich zwischen das Neue drängt? Ich weiß es nicht. Beides passt, beides harmoniert in paradoxester Weise miteinander. Alt und neu, grün und grau. Meine Vergangenheit und meine Zukunft, die sich hier, in dieser Stadt, in diesem Bus, in diesem Moment treffen und sich uneins darüber sind, zu wem von beiden ich gehöre.
Ich schließe die Augen, gönne meinem Kopf einen kurzen Moment der Ruhe. Ohne Bilder, ohne Assoziationen und Ideen.
Nein, im Moment kann ich noch nicht wieder schreiben. Ich sammle noch. Sortiere. Forsche nach den Zusammenhängen, suche nach der Süßigkeit, mit der ich dem freundlich lächelnden Monster Großstadt seine Geheimnisse entlocken kann. Zumindest so lange, bis der Bus mich in die Uni getragen hat. Aber jetzt kann ich noch nicht schreiben.
Ich gehöre nicht zum Bleistift-Battalion
Doch auch ich will nicht nur schreiben um zu kommunizieren
Auch ich habe Geschichten zu erzählen
Meine Abenteuer sollen auch euch gehören
Sie sind mehr als nur einfache Anekdoten
Sie tragen eine Botschaft
Mehr als ein Tagebucheintrag in einem Buch ohne Siegel.
In der Uni fühle ich mich wohl. Wohler noch als in der WG, wohler als bei meinen Freunden hier, noch wohler als in einer heißen Badewanne bei Kerzenschein. In der Uni entkomme ich der Anonymität und dem Gefühl der Einsamkeit, denn hier sind alle anonym und einsam gewesen. Jedenfalls am Anfang. Hier bin ich keine Fremde – alle, die mit mir studieren, waren und sind so neu wie ich. Niemand von uns hatte von Anfang an Freunde, niemand von uns hatte Vorteile oder wusste mehr als die anderen. Wir sind Fremde unter Fremden, wir fallen nicht auf. Wir sind alle gleich. Wir gehören noch nirgendwo hin, und das schweißt uns zusammen.
Ich baue meinen eigenen kleinen Freundeskreis auf, anstatt wie sonst in einen bereits bestehenden hineingeworfen zu werden. Neue Menschen, neue Leute. Gleiche Bedingungen. Man kann ungeniert fragen, Geschichten und Ansichten aus seinen Kommilitonen kitzeln, entdecken ob sie spannend sind, ob sie etwas zu erzählen haben. Ich lerne von ihnen in einem kurzen Gespräch mehr als von einem Dozenten, der 90 Minuten aus dem Lehrbuch vorliest. Sie regen mich mehr zum Nachdenken an als die ungelösten Rätsel der Naturwissenschaft.
Ich gehöre der Kugelschreiber-Kompanie nicht an
Doch auch ich bin neugierig auf Erzählungen und Ideen
Auch ich will alte Konzepte neu mischen
Und erschaffe neue Welten und neues Leben.
Keine Ressource auf diesem Planeten ist unbegrenzt
Aber Ideen gibt es unbeschränkt
Mehr als nur Zusammenfassungen unserer Tage.
Ich verwechsle oft Wörter in letzter Zeit. Nicht, dass sie mir nicht einfallen, ich sage nur etwas anderes, als ich meine und merke das erst, wenn ich es gesagt habe. Mein Kopf ist einfach zu voll. Manchmal sucht er ein Ventil und lässt dann los, öffnet die Schleusen zu meinen Augen, und all die Wörter, dicht an dicht gedrängt, stoßen sich mit unaufhörlich geballter Macht in meinen Tränen nach außen, ganz ohne Vorwarnung, ganz ohne Anlass. Im Hinausrauschen winken sie meinem Verstand noch dämlich grinsend zu.
Ich suche andere Ventile, wenn die Wörter fehlen. Meine Buntstifte sind endlich hier, und meine Bleistifte. Meine guten Kugelschreiber und meine Malblöcke. Sie liegen neben dem Bett, auf dem Schreibtisch und in der Küche, bis meine Mitbewohnerin den Küchentisch wieder leerräumt. Viel zeichne ich nicht, nur Andeutungen dessen, was in mir vorgeht. Momentaufnahmen. Mehr braucht es für mich nicht.
Ich bin kein Mitglied der Malblock-Milizen
Aber wenn die Welt hinter einem Horizont aufhört
Dann fängt sie auch für mich erst dahinter an
In bewegten Bildern sehe auch ich nicht die Technik
Sondern frage nach dem Motiv hinter den Motiven
Mehr als nur Worte sprechen um sich reden zu hören.
Ich fühle mich hier noch nicht angekommen. Das Alte greift noch nicht in das Neue, alles stockt und lässt mich zweifeln. Mein altes Bett im neuen Zimmer wirkt genauso fehl am Platz wie die Kleidung, die ich zu hause getragen und hierher mitgenommen habe. Wenn ich "zu hause" sage, meine ich meine alte Heimat und nicht die WG. Doch dann kommt ein gemeinsames Lachen, eine Umarmung oder eine andere Art, mich einzubinden. So wie das Schreiben, das den Stein ins Rollen gebracht hat. Ohne die Schreiberei wäre ich nicht hier. Ohne die Schreiberei werde ich mich auch nicht zu hause fühlen können.
Manchmal setze ich mich abends an meinen PC und öffne den Ordner, in dem all die kleinen Ideen sind, die ich abgetippt habe. Eine ist bereits ein halbes Buch, einige andere können zu einer Geschichte zusammengefügt werden. Alle sind Träumereien und Sehnsüchte nach etwas Neuem. Einer Welt, die von vorne beginnt, einer Lebensgeschichte, die einen Anfang aber kein Ende hat. Eine Zuflucht mit klaren Gesetzen, die das Bekannte einfach so sprengen. Diese Welt gehört nur mir, ich teile sie nicht. Was ich auf mein Blog setze, ist im besten Fall nur ein Bruchteil dessen, was ich schreibe.
Ich schreibe nunmal nicht für andere Leute. Ich schreibe nicht, weil ich darin meine Zukunft sehe. Ich schreibe nicht, weil ich nach Resonanz aus bin. Ich will die Menschen nicht wachrütteln, keine religiöse, politische oder modische Botschaft übermitteln. Ich schreibe nicht um meinen Widerspruch auszudrücken. Ich schreibe nicht, weil ich jemandem den Krieg erklärt habe. Nein, die Schreiberei ist für mich keine Waffe.
Ich schreibe, weil ich dann für einen Moment die Welt um mich herum vergessen und mich meinen Traumwelten hingeben kann. Ich schreibe, um meine Eindrücke zu verarbeiten und um mich selbst kennenzulernen. Ich schreibe, um meine Fantasie zu fördern, ihr ein Gerüst zu geben, an dem sie wachsen kann.
Ich schreibe für mich.
Ich schreibe, weil ich dann nicht alleine bin.
Ich schreibe, weil ich dann zu hause bin.
Es gibt die Zeichenstift-Zenturien
Die Tastatur-Truppen
Die Seiten-Soldaten
Die Literatur-Leibgarde
Die Kommentar-Kommandos
Die Malblock-Milizen
Die Kugelschreiber-Komanie
Sie wollen mehr sein als Text auf Seiten
Sie wollen mehr sagen als leere Worte
Sie suchen mehr als Resonanz
Sie geben mehr als Kommentare
Sie suchen ihres Gleichen und sind nicht alleine
Denn sie sind das Bleistift-Battalion.
Doch ich, ich gehöre zum Lesezeichen-Lazarett
Denn das Schreiben ist mein Balsam.
Anmerkung: Von Jay Nightwind wurde die Idee der Bleistift Battalion ins Leben gerufen. Ich habe versucht, meinen Beitrag dazu zu leisten, doch beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass meine Motivation zu schreiben eine völlig andere ist als die, die in den ursprünglichen Versen beschrieben wird. Die Details stimmen, nur nicht das Große und Ganze. Ich fühle mich keiner Gruppe oder Bewegung angehörig, was das Schreiben angeht - vor allem nicht dann, wenn sie das Schreiben als etwas militärisches, aggressives sieht bzw sie als etwas solches darstellt. Sicherlich kann man mit geschriebenen Worten viel erreichen, sie als Waffe gegen Missstände benutzen. Aber das ist schlicht nicht meine Motivation oder Überzeugung. Deswegen war ich so frei, es etwas abzuändern.