Die Angst saß tief in ihren Knochen, als sie durch die Nacht irrte. Jedes Geräusch, jeder unter ihren Füßen zerknackende Ast jagte ihr in einem unangenehmen Zittern über den Rücken. Ein ums andere mal schlugen ihr Zweige entgegen und zerkratzten ihr Gesicht, sie stolperte und schlug sich die Knie an scharfkantigen Steinen auf und hatte Mühe, ihren Körper entgegen seiner Erschöpfung immer weiter durch das Dickicht zu treiben. Wenn sie ehrlich zu sich war, hatte sie in der sternenlosen Nacht schon lange die Orientierung verloren. Immer wieder rief sie sich den letzten Rat ihrer Mentorin Lariena in den Sinn. "Intuition, Zahra. Zerstreue alle Zweifel in deinem Kopf, leere deinen Geist und vertraue deinem Gefühl, dann wirst du ankommen."
Sie hatte ihre Augen halb geschlossen, konzentrierte sich auf die anderen Sinne. Auf das Gefühl in ihrem Bauch, unterhalb des Nabels, das ihr die Richtung zuflüsterte, auf das Rauschen des Wassers in den mächtigen Baumstämmen das sie als Kribbeln in der Haut wahrnahm, auf das Flüstern der Laubblätter über ihr. Der Wald redete mit ihr, sie musste nur zuhören. Doch ihre Angst blockierte sie. Das erste mal in ihrem Leben war sie auf sich allein gestellt, ohne Hilfe, ohne Lariena, und ohne Ziel.
Ihre müden Füße stolperten über eine Wurzel. Zahra versuchte gar nicht erst, den Sturz abzufangen, sie fiel vornüber auf den Boden und blieb schluchzend liegen. Obwohl sie mehrere Stunden ohne Pause gerannt war, meinte sie das Blut immernoch riechen zu können, gepaart mit dem beißenden Gestank von verbrennendem Fleisch. Bilder krochen wieder in ihr Bewusstsein. Sie versuchte sie zu verscheuchen, sie in hintersten Ecken ihres Verstandes einzusperren, doch die Bilder wurden immer deutlicher und der Gestank in ihrer Nase immer stechender.
Jemand packte sie an der Schulter und riss sie herum, so dass sie auf dem Rücken lag.
"Hey, Kleine. Essen ist fertig."
Schweißgebadet blickte Zahra in das vom Lagerfeuer rot glänzende, zerfurchte Gesicht eines hageren alten Wegelagerers.
"Hoch mit dir, sonst lassen dir die Jungs nichts vom Braten übrig, meine Hübsche." Er entblößte eine Reihe faulender Zähne, die in eitrigem Zahnfleisch saßen. "Komm, setz dich zu uns, wir werden schon nicht schlimmer sein als dein Traum von grade." Er lachte heiser und drehte sich zum Lagerfeuer um, wo eine Hand voll Männer unterschiedlichsten Alters gerade die verbrannte Haut von einem schafsgroßen Tier zogen und das saftige Fleisch zum Vorschein brachten.
Immernoch zitternd setzte Zahra sich langsam auf. Ihr Magen rebellierte, einerseits aus Hunger, andererseits aus Übelkeit. Die Erinnerungen, die durch den Traum wieder geweckt worden waren, waren zu frisch und ihre Zunge fühlte sich wie ein trockener Lappen an. Sie fragte sich, ob sie jemals wieder Fleisch würde essen können, doch trotz ihres Ekels stand sie auf und quälte sich zum Lagerfeuer.
Sie hatte Glück gehabt. Kurz vor Einbruch der Dämmerung war sie an der Straße angelangt. Nachdem sie den schlafenden Drachen in einer kleinen Erdmulde nahe der Straße versteckt hatte, musste sie sie nur wenige Minuten entlanggehen, um von Räubern überfallen zu werden.
Wegelagerer, Diebe, Banditen und alle Gesetzeslosen durften von normalen Badern und Doktoren nicht behandelt werden, während Heilerinnen immer alleine auf Wanderschaft waren und Überfällen schutzlos ausgeliefert wären. Also gab es zwischen beiden eine Art Abkommen. Nahrung, ein sicherer Schlafplatz und das Versprechen auf Unversehrtheit gegen Behandlung von Wunden und Krankheiten, Versorgung mit Medikamenten und die Unterrichtung in verschiedene einfache Heilmethoden und in die Wirkung einiger Pflanzen. Einer der Wegelagerer hatte das Zeichen ihrer Schule auf Zahras Mantelschnalle erkannt und die anderen rechtzeitig von ihr weggezerrt.Im Lager hatte man ihr altes Brot, getrocknete Beeren und ein paar Fetzen geräucherten Schinken gegeben, um ihren ersten Hunger zu stillen und sich für den Überfall zu entschuldigen. Mit einer Ausrede hatte sie sich vom Lager davongeschlichen, den Drachen mit dem Fleisch gefüttert und auf ihn eingeredet, bloß in seinem Versteck zu bleiben. Sie wusste nicht ob er auf sie hören würde, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie konnte das Abkommen nicht brechen und sich davonstehlen, und den Drachen mit ins Lager zu bringen war ohnehin undenkbar. Es waren immernoch Gesetzlose, die für ein Goldstück alles tun würden. Ein junger Drache würde weitaus mehr einbringen und hätte keine Chance gegen so eine Überzahl an verzweifelten Männern.
Genauso wenig wie Zahra selbst.
Plötzlich wurden die Männer laut. Sie gröhlten und klatschten, als ein hoch gewachsener Mann zwischen den Bäumen in den Schein des Feuers trat. Obwohl - oder gerade weil - sein Gesicht von Dreck und verschwitzten Strähnen seines Haares bedeckt war, konnte man ein Funkeln in seinen Augen sehen, das von einem triumphierenden Grinsen unterstrichen wurde.
"Unser Hauptmann, Sordes. Tapferer Mann, obwohl er noch so jung ist", raunte einer der Wegelagerer Zahra zu. Unter dem Gejohle der anderen Männer ließ er einen großen Sack von seiner Schulter gleiten, der mit einem dumpfen Klimpern auf den Waldboden traf. Skeptisch runzelte Zahra die Stirn, während alle um sie herum zu dem Beutel stürmten, gierig hineingriffen und mit einem debilen Lachen die Münzen in ihren Händen anstarrten. Sie wollte gar nicht wissen, wie viel Blut an dem Geld klebte.
"Wartet nur ab, Männer, bis ihr unseren Hauptgewinn gesehen habt!"
Auf die Stimme des Hauptmanns folgte gespanntes Schweigen, so still, dass man neben dem Prasseln des Feuers auch Knacken von Zweigen im Wald hören konnte. Hinter Sordes trat ein weiterer Räuber ins Licht, ebenfalls voller Dreck, ebenfalls mit einem breiten Grinsen im Gesicht, und ebenfalls mit einem Beutel über der Schulter.
Doch aus dem Beutel drang ein leises Wimmern.
Anmerkung: Das Bild hab ich diesmal seeehr hingerotzt, jedenfalls den Rücken vom Wegelagerer... und ihn überhaupt (hässliche Menschen zu zeichnen is noch zu schwer). Und für die, die genau hingeschaut haben: Die Schnalle am Mantel hat kein Zeichen. Das liegt einfach daran, dass ich noch nich genau weiß, wie das Zeichen aussehen soll... Wer einen Vorschlag dazu hat, darf ihn gerne loswerden.
Ich bin mir auch noch nich sicher, in welchem Stil ich die Zeichnungen halte. Vielleicht probier ich für's nächste Bild mal was Neues aus.
4 Kommentare:
Gefällt sehr gut und ist sprachlich klasse. Weiter so.
Gefällt mir auch wieder! Immer weiter so! Und was das Bild angeht... Sowas würd ich nie hinbekommen... :-)
Danke :) Mit den Bildern bin ich im Allgemeinen aber immernoch eher unzufrieden. Kann aber auch an der immer wieder erschreckend schlechten Qualität der Fotografien liegen :D
Wenn die Prüfungszeit rum is beschäftige ich mich endlich mal ausführlicher mit meinem Geburtstagsgeschenk, vielleicht kommt dann n bisschen was besseres raus.
Huhu :-)
Schau mal auf meinem Blog vorbei, da wartet ein Award auf dich ;-)
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