Wir brettern zusammen die spätsommerliche A3 runter, in Richtung Bonn. Siesitzt neben mir und versucht, mich als Manga zu skizzieren, während ich sie
bitte, doch endlich mal Mando Diao von ihrem mp3-Player laufen zu lassen, damit
ich auch weiß, auf was ich mich beim Konzert freuen kann. Vierhundert Kilometer
zu einem Konzert, dessen Band ich nichteinmal kenne. Zu soetwas kann auch nur
sie mich überreden.
Wir unterhalten uns über alles mögliche und unmögliche, so wie eigentlich
immer. Wir lästern über alte Beziehungen und diskutieren über potentielle neue,
hauen uns das übliche "oh mein Gott, die hatten mal was miteinander?!"
um die Ohren, malen aus, wie es mit ihrer schulischen Laufbahn weitergehen
soll, diskutieren, wie ich mich als gerade erst eingeschriebene Studentin
fühle. Wir unterhalten uns darüber, wann wir mal wieder etwas unternehmen, ob
wir mal shoppen geh'n, welchen Kinofilm wir uns unbedingt zusammen ansehen
müssen, wann sie mal wieder zum Bimsen zu mir kommen kann. In ihrer Gegenwart
verhalte ich mich schon fast wie ein Mädchen, nicht mehr wie ein Junge im
falschen Körper, und fühle mich damit dank ihr wohler als je zuvor. Auf eine
erstaunlich ruhige, sanfte Art und Weise ist sie zu meiner besten Freundin
geworden.
Auf der Rückfahrt schläft sie, während ich leise "Dizzy" rauf und
runter höre. Es hat etwas vertrautes, nachts durch den leeren Spessart zu
fahren, vor sich die blassen Kegel der Scheinwerfer auf dem Asphalt, hinter
sich nur die verlassene Dunkelheit, neben sich eine schlafende junge Frau, zu
der man wie zu einer Schwester steht. Man mag sich nicht immer vertragen, man
mag mal voneinander genervt sein, aber am Ende weiß man doch immer, dass man
füreinander da ist. In mir keimt die Frage auf, wie es überhaupt dazu gekommen
ist, sind wir doch grundverschiedene Menschen. Sicherlich spielt die Faszination
Finnland eine große Rolle, so wie "Pom pom pom" und die Idee für ein
Musikvideo, die wir im Winter an einer Bushaltestelle hatten. Aber sie war
bereits vorher da, irgendwann hat unsere Freundschaft ganz schleichend
begonnen. Ohne Anfang.
Vielleicht kann ich mich ihr gegenüber so anvertrauen, weil sie im
Hintergrund immer da war, als ich eine seltsame Phase durchlebt habe.
Vielleicht, weil sie mich nie aufgegeben hat, oder weil sie mir gegenüber schon
immer die Wahrheit gesagt hat. Weil sie immer das ausgesprochen hat, was sie
dachte. Und ganz bestimmt, weil sie mit ihren Vermutungen mir gegenüber mit
einer prophetischen Sicherheit immer richtig lag.
"Immer", das ist das Wort, das sie am besten beschreibt. Sie ist
sich immer treu, auch wenn sie sich äußerlich verändern mag. Sie ist beständig.
Ich konnte sie zwei Jahre lang ignorieren und andauernd versetzen, sie war
trotzdem für mich da, baute mich auf, als es mir schlecht ging, machte mir Mut.
Sie war wie ein Stern bei Tageslicht - nicht zu sehen, aber man weiß, dass er
da ist. Wenn es um einen herum dunkel wird, erscheint er am Himmel und macht
einem Mut, bis sich die Morgendämmerung zeigt. Der Stern weist einem den Weg,
den man selber nicht sehen kann.
Durch sie habe ich etwas gelernt, was ich zuletzt als Kind beherrscht hatte:
Auf meine Intuition hören. Blindes Vertrauen haben, wenn ich auf irgendetwas
keinen Einfluss habe. Mir meiner Umwelt bewusst werden. Meine Träume nicht
aufgeben. Einfach leben, egal was morgen sein wird.
Als ich um drei Uhr nachts vor ihrem Haus halte, sammelt sie schlaftrunken
ihre Sachen von der Rückbank zusammen. Unser Abschied dauert nicht lange. Wir
beide wissen, dass wir uns wiedersehen werden, wir werden auch dann füreinander
da sein, wenn der nächste Morgen anbricht und es hell wird.
1 Kommentare:
Sehr interessant... Gefällt mir... :-)
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